Christiane Wollenhaupt-Brenner
Lukaskirche (Ludwigshafen)
Werk - Mosaiken - Lukaskirche (Ludwigshafen)

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Mir wurde von der protestantischen Kirchengemeinde der Lukaskirche in Ludwigshafen die Aufgabe gestellt, einen Entwurf mit dem Hauptthema des Lukasevangeliums "Der verlorene Sohn" zu machen.
Die Größe der Mosaikwand lag fest und es galt, das Wesentliche des Gleichnisses mit möglichst knappen Mitteln darzustellen. Den Gedanken, es teppichhaft in nur 4 Bildern über die Fläche zu weben, habe ich bald verworfen. Es schien mir problematisch, Figuren, die der Gemeinde nahe sind, in ein gutes Verhältnis zur Größe der Wand und den Menschen im Raum zu bringen.
Nach Versuchen in Originalgröße entschloss ich mich, auf eine szenische Darstellung zu verzichten und die einzelnen Geschehnisse in einer Figur zu verschmelzen. Die entstehenden Medaillons mussten sich, ihrer inhaltlichen Bedeutung entsprechend, unterscheiden. Nach Gesprächen mit Theologen habe ich das Thema in fünf verschiedene Zeichen umzusetzen versucht.
Wichtig erschien es mir, die Schwerpunkte so zu setzen, wie es der inneren Dynamik des Geschehens entspricht. Aus diesem Grunde beginnt die Darstellung mit einem der größten Medaillons, denn ihm kommt die Bedeutung zu, die Trennung von Vater, das Verlassen des geraden Weges, deutlich zu machen. Die Farben sind so gewählt, dass sie die geborgene Atmosphäre des Vaterhauses ahnen lassen. Während der ältere Sohn sich in seiner ganzen Haltung dem Vater angleicht, ist zwischen dem jüngeren und ihm keine andere Verbindung als die Hand, die das Geld entgegennimmt.
Um so bedrückender lassen Form und Farben des folgenden Medaillons die Verzweiflung klar werden, die den verlorenen Sohn quält. Ein Gewicht scheint auf das Medaillon zu drücken, das es ihm nicht erlaubt, sich nach oben zu entfalten. Eins geworden mit Bäumen und Schweinen, bildet er den Mittelpunkt einer harten farblichen Dissonanz: "Da schlug er in sich."
Das dritte, das zentrale Medaillon, ist beides: Achse des Bildes und Achse der Handlung. Wie es formal zum Drehpunkt wird, wird es für den Bildinhalt zum Wendepunkt. Die langgestreckte Form, unterstiitzt durch klare und entschiedene Farben, die vorwärts drängende Figur, künden von der inneren Umkehr und der festen Entschlossenheit, mit der sich der verlorene Sohn aufmacht, um zu seinem Vater zu gehen.
Zum Höhepunkt des gleichnishaften Geschehens führt das vierte Medaillon. Es ist das bei weitem größte. Seine Form bildet im Gegensatz zu den anderen Medaillons eher ein Quadrat als ein Rechteck. Zur tragenden Figur erwächst der Vater. War er im ersten Medaillon noch gleich groß wie sein ältester Sohn, so überragte er ihn jetzt um Haupteslänge. Überhaupt bildet dieses Medaillon eine Umkehr des ersten. Dort wagte der Zuhausegebliebene beim Abschied seines Bruders die Hand auf die Schulter des Vaters zu legen, hier schiebt sich ein Keil zwischen beide. Vater und verlorener Sohn dagegen verschmelzen farblich und figürlich zu einem. Wo der ältere Sohn sich mit verständnisloser Gebärde abneigt, findet der jüngere, heimgekehrte, Verzeihung.
Nach dem auf und ab der vorausgegangenen Medaillons setzt das fünfte formal die jäh unterbrochene Linie des ersten fort. Es stellt das Fest dar, das der Vater zur Heimkehr seines Sohnes feiert.
Christiane Brenner, Kassel 1961
Die formale Ähnlichkeit mit dem Mosaik aus der Kasseler Kreuzkirche - die lineare Unterteilung in theologisch klug ausgewählte Bereiche, eine Abstraktion, die dennoch gegenständliche Elemente enthält, ist zu erkennen. Und auch in diesem Fall endet die Geschichte an einem langen Tisch bei einem Festmahl.
Ulrike Wollenhaupt-Schmidt